Interview with Jan Allain
by Irene Hummel
in lespress issue no. 58, August 2000


 

Jan Allain & Ilse de Ziah, diese Namen stehen für herausragende musikalische Qualität, für mitreißende Live-Darbietungen und für ein Publikum, das in ausverkauften Hallen vor Begeisterung tobt. Jan Allain hat mit ihrer Stimme und ihrer Gitarre zusammen mit Ilse de Ziah und ihrem Cello ein Musik-Genre kreiert, das in einzigartiger Weise schwungvolle Rhythmen mit Anklängen von Folk, Jazz, Swing und Country verbindet. Die Songwriterin Jan Allain war der treibende Faktor in dieser Konstellation. So wundert es nicht, daß auch nach der Trennung der beiden bei "Jan Allain allein" die Faszination vollständig erhalten bleibt. Der breiten Öffentlichkeit jedoch blieb Jan Allain bislang relativ verborgen. Jan Allain entspricht nicht dem idealen, leicht vermarktbaren Popstar. So ging sie ihren Weg ohne eine Plattenfirma im Rücken - sie arbeitete sich mit Unterstützung vorwiegend der deutschen Lesbenszene über 12.000 verkaufte CDs aus dem Eigenverlag hoch bis zu dem "Best of"-Album, das nun in allen Läden liegt.

Jan: Hallo, ich heiße Jan Allain. Ich schreibe Songs und singe sie. Ich komme aus London, dort bin ich aufgewachsen. Aber meine Karriere fand gewissermaßen in Germany statt, und zwar weil ich 1988 auf dem Lesbenfrühlingstreffen in Tübingen spielte. Mein Auftritt dort kam total gut an. Gleich danach wurden alle Kontakte für die nächsten zehn Jahre meines Lebens geknüpft. Ich war viel öfter hier in Germany als in England. Ich weiß nicht, wie es in England gelaufen wäre ... Ich bin sozusagen eine englische Songwriterin mit einer deutschen Musikgeschichte.

lespress: Wie bist du zu dem Auftritt auf dem LFT gekommen?

Jan: Vielleicht kennt ihr noch das englische Akustik-Duo Over? Rose und Jana waren in den Siebzigem viel in Germany unterwegs. Sie hatten den Vertrag für diesen Auftritt, konnten aber nicht spielen. Ich war zufällig bei ihnen im Büro und übernahm ihre Verpflichtungen mit einer Solo-Performance. Ich habe es nie bereut... Es war großartig.

lespress: Wolltest du schon immer professionelle Musikerin werden?

Jan: Nein, und ich war das auch nicht immer. Ich studierte an einer Kunsthochschule in London. Ich hatte auch Ausstellungen mit meinen Arbeiten als Fotografin und als Bildhauerin. Dann arbeitete ich als Lehrerin, zuerst zwei Jahre an einer Freien Schule, einer kleine Schule mit der Theorie, dass die Kids nicht gezwungen werden zum Lernen und mit dem Ergebnis, daß sie dann auch nicht lernen. Fünf oder sechs Jahre lang war ich dann Kunst- und Schauspiel-Lehrerin in Südengland und in London. Während dieser Zeit wurde mir langsam klar, daß ich etwas suchte, was wirklich meins war, etwas Besonderes, Spezielles und nur meins. Und das war immer mein Songwriting. Dazu kam noch, daß ich als Lesbe im regulären Schulsystem keinen wirklichen Platz hatte, um ich selbst zu sein. Deshalb beschloss ich, den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen und nur noch Songwriterin zu sein.

lespress: Hast du schon als Kind angefangen, Musik zu machen?

Jan: Ja, ich habe schon immer gerne gesungen und ich hatte mit zehn meine erste Gitarre. Ich spielte und übte immer viel. Wir hatten auch ein Klavier zuhause und ich probierte viel herum. Aber ich dachte damals nicht daran, das professionell zu machen.  

lespress: Kannst du heute von deiner Musik leben?

Jan: Ich versuche es, aber es ist wirklich nicht einfach. Ich könnte jederzeit wieder unterrichten. Aber damit könnte ich mich nie wieder wirklich identifizieren. Ich kann mir nichts anderes mehr als meine Musik vorstellen.

lespress: Bist du ein politischer Mensch?

Ich denke, als offen lebende Lesbe bist du einfach ein Role-Model, ein Vorbild für andere Lesben und Schwule. Das ist politisch, weil es auf andere Einfluß hat, weil es ihnen Selbstvertrauen gibt, sie selbst zu sein. Das ist politisch in einer Gesellschaft, wo Lesben und Schwule immer noch nicht dieselben verbrieften Rechte haben, obwohl sich schon vieles verändert hat. Aber eine fahnenschwingende Polit-Aktivistin bin ich nicht. Ich bin Musikerin.

lespress: Wer sind denn deine Role-Models oder Vorbilder?

Es gibt MusikerInnen und SängerInnen, die ich liebe und bewundere. Und natürlich Freunde und Freundinnen. Eigentlich habe ich viele Helden und Heldinnen.

lespress:Was für Musik hörst du?

Jan: Ich hin aufgewachsen mit den Songwritern der 60er, wie Joni Mitchell, Joan Armatrading, Randy Newman, John Lennon (nach den Beatles), Cat Stevens. Das war auch die erste Platte, die ich mir kaufte - Cat Stevens: Teaser and the Firecat. Das Sgt.Pepper-Album von den Beatles könnte ich immer wieder hören, es langweilt mich nie und ich höre immer neue Feinheiten.

An aktuellen Künstlerinnen entdecke ich at immer neue. Gerade höre ich den Magnolia Soundtrack von Aimee Mann, der ist großartig Ich war immer ein großer Fan von Tracy T sie ist eine brillante Sängerin. Sie hatte großen Erfolg mit Massive Attack, war aber nie w Mainstream. Ansonsten höre ich noch irische Musik, afrikanische Musik, sogenannte World Music, Blues, z.B. Big Bill Broonzy und all Mundharmonika-Spieler natürlich.

lespress: Wie bist du bei dieser Plattenfirma gelandet?

Jan:  Ich habe sie angerufen. Ich kenne Cooking Vinyl schon seit Jahren. Sie haben viele Singer/Songwriter unter Vertrag, die ich mag und die ich höre, wie Michelle Shocked und Rory Leod, auch einige Freunde von mir. Dann habe ich ein Angebot von einer Plattenfirma gekriegt und ich wollte eine zweite Meinung hören, da ich nicht so überzeugt war. Der Manager in Hamburg war auch nicht sehr beeindruckt von dem Angebot und meinte, ich solle ihm mal was von mir schicken. Das habe ich gemacht und daraufhin haben sie mir einen Vertrag angeboten. 

lespress: Erzähl doch mal ein bisschen über Zusammenarbeit mit Ilse de Ziah und den Grund für die Trennung.

Jan: Wir hatten acht Jahre lang ein sei und erfolgreiches Abenteuer. Am Ende dieser Zeit waren wir allerdings beide sehr gestreßt: es ist einfach eine sehr lange Zeit, um so eng aufeinanderzuhängen. Ilse wollte eine Pause ihre eigenen musikalischen Pläne verwirklichen. Es war für uns beide okay, auch wenn die Trennung Ilses Idee war. Ich denke, wenn der Plattenvertrag ein Jahr eher gekommen wäre, wäre sie vielleicht nicht gegangen, aber so kam er zu spät für sie. Sie begleitete mich so lange, sie hat einen enormen Anteil an meinen Songs, ich werde ihr dafür immer dankbar sein. Aber sie brauchte einfach den Raum für sich, für ihre Psyche und für ihre Kreativität, deshalb musste sie ihre eigenen Wege gehen.

lespress: Was macht Ilse jetzt?

Jan: Ich glaube, im Moment ist sie in Sydney in Australien, um ihre Familie wiederzusehen. Vorher war sie ein Jahr in Wales. Sie hat eine eigene Band gegründet und war mit diesem Trio letzten Herbst schon auf einer Tournee in Germany. Sie wird wahrscheinlich wieder nach London zurückkehren. Ich habe sie jetzt schon zwei Jahre nicht gesehen...

lespress: Eine persönliche Frage, auf die du nicht antworten musst: wart ihr auch Lovers?

Jan: Unsere Beziehung war am Anfang eine rein musikalische, dann wurde es eine Liebesbeziehung. Als wir dann nach etwa vier Jahren wieder nur Freunde sein wollten, wurde es schwierig. Normalerweise machst du dann auch eine räumliche Trennung draus, aber das ging nicht, weil wir so eng und viel zusammenarbeiteten. Wir hatten also keine Gelegenheit, mal über alles mit ein bisschen Abstand nachzudenken. Wahrscheinlich ist das auch mit ein Grund, dass der Stress zwischen uns entstand.

Ich denke, alles in allem haben wir das ganz gut hingekriegt, und acht Jahre sind eine ganz schön lange Zeit dafür, wie eng wir zusammen waren, gemeinsam auf Tour und so. Musik zu machen ist eine sehr intime Sache. Wir sind beide ganz glücklich damit, dass wir jetzt doch endlich den Schnitt gemacht haben, den wir immer gebraucht haben und nie hatten. Wir sind immer noch sehr gute Freunde und für einander da. Richtig vermisst habe ich sie allerdings in dem Moment, als ich den Plattenvertrag unterschrieb. Ich habe Ilse das Album gewidmet, um ihren Beitrag an all dem zu würdigen.

lespress: Wie kommst du auf die Ideen für deine Songs, sind es persönliche Erfahrungen?

Jan: Ich erfinde keine Situationen, ich kann nichts vortäuschen. Ich habe das schon öfter probiert, aber das gelingt mir nicht so gut. Du kannst bei fast allen Künstlerinnen ihr Gesamtwerk zusammenfassen in ein oder zwei Hauptthemen. Meine Hauptthemen sind: einmal Sehnsucht, ich vermisse dich und zweitens Spaß haben!

lespress: Wie fühlst du dich jetzt mit dem Plattenvertrag?

Jan: Ich warte mal ab, was passiert. So ein Plattenvertrag ist nicht die Zauber-Lösung für deine Karriere. Du wirst auch nicht plötzlich Unmengen von Geld haben, vergiss es! Es braucht einmal Zeit und außerdem liegt vieles in den Händen der Plattenfirma, sie müssen mein nächstes Album gut finden und es annehmen.

lespress: Bist du als Lesbe zu der Plattenfirma gekommen bzw. ist es ihnen klar?

Jan: Ich habe mich nicht als Jan Lesbian Allain vorgestellt. Ich habe auch kein T-Shirt getragen "Ich bin Lesbe". Aber sie wissen es. Und auch die Pressemitteilung, die sie verschicken, sagt ganz klar, daß ich seit zehn Jahren in der Lesbenszene in Germany bekannt bin. Aber ich hoffe, daß die Leute sich vor allem für meine Musik interessieren. Ich bin zufällig Lesbe. Ich hoffe, daß das nicht die Hauptsache für die Leute ist. Ich möchte als Musikerin wahrgenommen werden und nicht in erster Linie als Lesbe. Ich möchte Songs schreiben, die allgemeine Gültigkeit für alle haben.

Ich bin in erster Linie ein Mensch, und ich habe menschliche Gefühle. Ich weiß, daß die Leidenschaft in meinen Songs von meinen engen Beziehungen zu Frauen kommt. Aber grundlegende menschliche Gefühle wie Sehnsucht, Traurigkeit oder Bewunderung, damit kann doch jeder Mensch etwas anfangen. Ich will nicht in eine Schublade gepackt werden: eine lesbische Sängerin/Songwriterin, also ist ihre Musik nur für Lesben. Meine Musik ist für alle. Sicher hat sie mehr Bedeutung für Lesben, weil wir auf der gleichen Seite stehen im Leben. Ich habe auch ausgesprochen lesbische Songs geschrieben, wie "Glad to be lesbian" oder "I met my love in Aldi". Aber Musik ist Musik.

lespress: Ist das nächste Album schon geplant?

Jan: Ich habe eine Menge Songs, die noch nicht aufgenommen sind, und eine ganze Menge von ihnen sind für das nächste Album geplant. Aber ich weiß noch nicht, wann, wo und mit wem das passieren wird. Aber die Songs gibt es schon. Sicher schreibe ich bis zum nächsten Album auch noch einige. Dieser Plattenvertrag ist ein Lizenzvertrag, das bedeutet, ich bezahle die Aufnahmen und die Plattenfirma bezahlt das Pressen, die Werbung und den Vertrieb. Also liegt noch ein großer Teil des finanziellen Risikos bei mir.

lespress:Wer hat die Songs für das aktuelle Album "A Kind of Glory“ ausgewählt?

Jan: Ich habe sie ausgewählt, es war sehr schwierig, sie in die richtige Reihenfolge zu bekommen, aber es war, als ob ich meiner eigener DJ gewesen wäre. Es sind vier ganz neue Songs und insgesamt fünf neue Aufnahmen dabei, die anderen erschienen schon auf meinen anderen Platten.

lespress: Wir sind sehr neugierig auf das nächste...

Jan: Das nächste Album wir ein statement sein, denn das ganze Material wird neu sein. Es wird ein sehr wichtiges sein. Meine Philosophie ist Qualität statt Quantität. Ich will nicht eine der Künstlerinnen sein, die jedes Jahr ein neues Album auf den Markt werfen, wie Ani diFranco. Weniger ist mehr. Das nächste Album wird sehr speziell sein. Ich muß nur die richtige Arbeitssituation dafür haben. Ich hoffe, die Leute haben noch etwas Geduld. Ich mußte auch sehr geduldig sein. "A Kind of Glory" ist einerseits wie eine Zusammenfassung, es stellt das vor, was ich die letzten zehn Jahre gemacht habe. Und es ist natürlich eine Einführung für die, die mich gar nicht kennen. Gleichzeitig hoffe ich, meine Fans werden es als Meilenstein meiner Art schätzen. Dies ist der Punkt, an dem sich einiges ändern wird.

lespress: Was soll sich denn ändern?

Jan: Ich hätte gerne ein besseres Auto!

lespress: Ich dachte eher an die Musik...

Jan: Oh sorry, Aber du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es ist in einem 19 Jahre alten Austin zu touren, mit deiner kompletten Anlage dabei, aber ohne Roadie. Und ohne Servolenkung... Was wird sich musikalisch ändern? Ich möchte gerne eine Kombination von akustischen Instrumenten und Digital-Sounds auf meinem nächsten Album haben. Es gibt soviele neue Sachen in der populären Musik. Wenn ich nicht mit der Zeit gehe, besteht die Gefahr, daß man mich für altmodisch (old-fashioned) halten könnte. Ich komme aus der melodischen Tradition der Songwriter, aber ich muß meine Songs zeitgemäß präsentieren. Es gibt einige Instrumente, die auf jeden Fall wieder dabei sein werden: ein Flügel, Kontrabaß, Streichinstrumente, Akustikgitarre. Ich suche noch nach etwas, Atmosphäre sozusagen, etwas funkiges, was ganz neu dazukommen wird, ich kann es selbst noch nicht beschreiben. Es könnten z.B. neue Arrangement-Ideen sein.

lespress: Ist schon das nächste Album in Planung?

Jan: Ich habe eine Menge Songs, die noch nicht aufgenommen sind, und einige sind für das nächste Album geplant. Aber ich weiß noch nicht, wann, wo und mit wem das aufgenommen wird. Aber die Songs gibt es schon. Sicher schreibe ich bis dahin auch noch einige. Das nächste Album wird sehr wichtig und sehr speziell sein. Qualität ist mir wichtiger als Quantität. Das ganze Material wird neu sein. Ich muß nur die richtige Arbeitssituation dafür haben. Ich hoffe, die Leute haben noch etwas Geduld.

lespress: Bist du dabei, eine neue Band zusammenzustellen?

Jan: Auf jeden Fall, ich lernte gerade eine Kontrabaß-Spielerin aus Berlin kennen. Bei meinem Auftritt in Berlin war Petra Rick am E-Baß dabei, sie kommt aus der Heavy-Rock-Ecke. Sie weiß aber, daß mein Ideal-Baß ein Kontrabaß mit Jazz-Hintergrund ist. Eine Violinistin habe ich auch noch gar nicht. Meine Traum-Band hat einen Kontra- und einen E-Baß, einen wunderbaren humorvollen Drummer mit viel Gefühl, E-Violine, Akkordeon, Background-Sängerin und Grand Piano.

lespress:Wann wird es eine Tournee mit der neuen Band geben?

Jan: Ich hoffe, es wird schon im November/Dezember 2000 so weit sein. Ich bin auf der Suche nach einem professionellen Veranstalter für die Tour. Ich werde sowohl vor Frauen/Lesben als auch vor gemischtem Publikum auftreten. Meine Band wird nur aus Musikerinnen bestehen.

 

Interview: Irene Hummel

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