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Jan Allain
& Ilse de Ziah, diese Namen stehen für herausragende musikalische Qualität,
für mitreißende Live-Darbietungen und für ein Publikum, das in ausverkauften
Hallen vor Begeisterung tobt. Jan Allain hat mit ihrer Stimme und ihrer
Gitarre zusammen mit Ilse de Ziah und ihrem Cello ein Musik-Genre kreiert,
das in einzigartiger Weise schwungvolle Rhythmen mit Anklängen von Folk,
Jazz, Swing und Country verbindet. Die Songwriterin Jan Allain war der
treibende Faktor in dieser Konstellation. So wundert es nicht, daß auch
nach der Trennung der beiden bei "Jan Allain allein" die Faszination
vollständig erhalten bleibt. Der breiten Öffentlichkeit jedoch blieb
Jan Allain bislang relativ verborgen. Jan Allain entspricht nicht dem
idealen, leicht vermarktbaren Popstar. So ging sie ihren Weg ohne eine
Plattenfirma im Rücken - sie arbeitete sich mit Unterstützung vorwiegend
der deutschen Lesbenszene über 12.000 verkaufte CDs aus dem Eigenverlag
hoch bis zu dem "Best of"-Album, das nun in allen Läden liegt.
Jan:
Hallo, ich heiße Jan Allain. Ich schreibe Songs und singe sie.
Ich komme aus London, dort bin ich aufgewachsen. Aber meine Karriere
fand gewissermaßen in Germany statt, und zwar weil ich 1988 auf
dem Lesbenfrühlingstreffen in Tübingen spielte. Mein Auftritt
dort kam total gut an. Gleich danach wurden alle Kontakte für die
nächsten zehn Jahre meines Lebens geknüpft. Ich war viel öfter
hier in Germany als in England. Ich weiß nicht, wie es in England
gelaufen wäre ... Ich bin sozusagen eine englische Songwriterin
mit einer deutschen Musikgeschichte.
lespress:
Wie bist du zu dem Auftritt auf dem LFT gekommen?
Jan:
Vielleicht kennt ihr noch das englische Akustik-Duo Over? Rose und Jana
waren in den Siebzigem viel in Germany unterwegs. Sie hatten den Vertrag
für diesen Auftritt, konnten aber nicht spielen. Ich war zufällig
bei ihnen im Büro und übernahm ihre Verpflichtungen mit einer
Solo-Performance. Ich habe es nie bereut... Es war großartig.
lespress:
Wolltest du schon immer professionelle Musikerin werden?
Jan:
Nein, und ich war das auch nicht immer. Ich studierte an einer Kunsthochschule
in London. Ich hatte auch Ausstellungen mit meinen Arbeiten als Fotografin
und als Bildhauerin. Dann arbeitete ich als Lehrerin, zuerst zwei Jahre
an einer Freien Schule, einer kleine Schule mit der Theorie, dass die
Kids nicht gezwungen werden zum Lernen und mit dem Ergebnis, daß
sie dann auch nicht lernen. Fünf oder sechs Jahre lang war ich
dann Kunst- und Schauspiel-Lehrerin in Südengland und in London.
Während dieser Zeit wurde mir langsam klar, daß ich etwas
suchte, was wirklich meins war, etwas Besonderes, Spezielles und nur
meins. Und das war immer mein Songwriting. Dazu kam noch, daß
ich als Lesbe im regulären Schulsystem keinen wirklichen Platz
hatte, um ich selbst zu sein. Deshalb beschloss ich, den Lehrerberuf
an den Nagel zu hängen und nur noch Songwriterin zu sein.
lespress:
Hast du schon als Kind angefangen, Musik zu machen?
Jan: Ja,
ich habe schon immer gerne gesungen und ich hatte mit zehn meine erste
Gitarre. Ich spielte und übte immer viel. Wir hatten auch ein Klavier
zuhause und ich probierte viel herum. Aber ich dachte damals nicht daran,
das professionell zu machen.
lespress:
Kannst du heute von deiner Musik leben?
Jan:
Ich versuche es, aber es ist wirklich nicht einfach. Ich könnte jederzeit
wieder unterrichten. Aber damit könnte ich mich nie wieder wirklich
identifizieren. Ich kann mir nichts anderes mehr als meine Musik vorstellen.
lespress:
Bist du ein politischer Mensch?
Ich denke, als
offen lebende Lesbe bist du einfach ein Role-Model, ein Vorbild für
andere Lesben und Schwule. Das ist politisch, weil es auf andere Einfluß
hat, weil es ihnen Selbstvertrauen gibt, sie selbst zu sein. Das ist
politisch in einer Gesellschaft, wo Lesben und Schwule immer noch nicht
dieselben verbrieften Rechte haben, obwohl sich schon vieles verändert
hat. Aber eine fahnenschwingende Polit-Aktivistin bin ich nicht. Ich
bin Musikerin.
lespress:
Wer sind denn deine Role-Models oder Vorbilder?
Es gibt MusikerInnen
und SängerInnen, die ich liebe und bewundere. Und natürlich Freunde
und Freundinnen. Eigentlich habe ich viele Helden und Heldinnen.
lespress:Was
für Musik hörst du?
Jan:
Ich hin aufgewachsen mit den Songwritern der 60er, wie Joni Mitchell,
Joan Armatrading, Randy Newman, John Lennon (nach den Beatles), Cat
Stevens. Das war auch die erste Platte, die ich mir kaufte - Cat Stevens:
Teaser and the Firecat. Das Sgt.Pepper-Album von den Beatles könnte
ich immer wieder hören, es langweilt mich nie und ich höre
immer neue Feinheiten.
An aktuellen
Künstlerinnen entdecke ich at immer neue. Gerade höre ich
den Magnolia Soundtrack von Aimee Mann, der ist großartig Ich
war immer ein großer Fan von Tracy T sie ist eine brillante Sängerin.
Sie hatte großen Erfolg mit Massive Attack, war aber nie w Mainstream.
Ansonsten höre ich noch irische Musik, afrikanische Musik, sogenannte
World Music, Blues, z.B. Big Bill Broonzy und all Mundharmonika-Spieler
natürlich.
lespress:
Wie bist du bei dieser Plattenfirma gelandet?
Jan:
Ich habe sie angerufen. Ich kenne Cooking Vinyl schon seit Jahren.
Sie haben viele Singer/Songwriter unter Vertrag, die ich mag und die
ich höre, wie Michelle Shocked und Rory Leod, auch einige Freunde
von mir. Dann habe ich ein Angebot von einer Plattenfirma gekriegt und
ich wollte eine zweite Meinung hören, da ich nicht so überzeugt
war. Der Manager in Hamburg war auch nicht sehr beeindruckt von dem
Angebot und meinte, ich solle ihm mal was von mir schicken. Das habe
ich gemacht und daraufhin haben sie mir einen Vertrag angeboten.
lespress:
Erzähl doch mal ein bisschen über Zusammenarbeit mit Ilse
de Ziah und den Grund für die Trennung.
Jan:
Wir hatten acht Jahre lang ein sei und erfolgreiches Abenteuer. Am Ende
dieser Zeit waren wir allerdings beide sehr gestreßt: es ist einfach
eine sehr lange Zeit, um so eng aufeinanderzuhängen. Ilse wollte
eine Pause ihre eigenen musikalischen Pläne verwirklichen. Es war
für uns beide okay, auch wenn die Trennung Ilses Idee war. Ich
denke, wenn der Plattenvertrag ein Jahr eher gekommen wäre, wäre
sie vielleicht nicht gegangen, aber so kam er zu spät für
sie. Sie begleitete mich so lange, sie hat einen enormen Anteil an meinen
Songs, ich werde ihr dafür immer dankbar sein. Aber sie brauchte
einfach den Raum für sich, für ihre Psyche und für ihre
Kreativität, deshalb musste sie ihre eigenen Wege gehen.
lespress:
Was macht Ilse jetzt?
Jan:
Ich glaube, im Moment ist sie in Sydney in Australien, um ihre Familie
wiederzusehen. Vorher war sie ein Jahr in Wales. Sie hat eine eigene
Band gegründet und war mit diesem Trio letzten Herbst schon auf
einer Tournee in Germany. Sie wird wahrscheinlich wieder nach London
zurückkehren. Ich habe sie jetzt schon zwei Jahre nicht gesehen...
lespress:
Eine persönliche Frage, auf die du nicht antworten musst: wart
ihr auch Lovers?
Jan:
Unsere Beziehung war am Anfang eine rein musikalische, dann wurde es
eine Liebesbeziehung. Als wir dann nach etwa vier Jahren wieder nur
Freunde sein wollten, wurde es schwierig. Normalerweise machst du dann
auch eine räumliche Trennung draus, aber das ging nicht, weil wir
so eng und viel zusammenarbeiteten. Wir hatten also keine Gelegenheit,
mal über alles mit ein bisschen Abstand nachzudenken. Wahrscheinlich
ist das auch mit ein Grund, dass der Stress zwischen uns entstand.
Ich denke, alles
in allem haben wir das ganz gut hingekriegt, und acht Jahre sind eine
ganz schön lange Zeit dafür, wie eng wir zusammen waren, gemeinsam
auf Tour und so. Musik zu machen ist eine sehr intime Sache. Wir sind
beide ganz glücklich damit, dass wir jetzt doch endlich den Schnitt
gemacht haben, den wir immer gebraucht haben und nie hatten. Wir sind
immer noch sehr gute Freunde und für einander da. Richtig vermisst
habe ich sie allerdings in dem Moment, als ich den Plattenvertrag unterschrieb.
Ich habe Ilse das Album gewidmet, um ihren Beitrag an all dem zu würdigen.
lespress:
Wie kommst du auf die Ideen für deine Songs, sind es persönliche
Erfahrungen?
Jan:
Ich erfinde keine Situationen, ich kann nichts vortäuschen. Ich
habe das schon öfter probiert, aber das gelingt mir nicht so gut.
Du kannst bei fast allen Künstlerinnen ihr Gesamtwerk zusammenfassen
in ein oder zwei Hauptthemen. Meine Hauptthemen sind: einmal Sehnsucht,
ich vermisse dich und zweitens Spaß haben!
lespress:
Wie fühlst du dich jetzt mit dem Plattenvertrag?
Jan: Ich
warte mal ab, was passiert. So ein Plattenvertrag ist nicht die Zauber-Lösung
für deine Karriere. Du wirst auch nicht plötzlich Unmengen
von Geld haben, vergiss es! Es braucht einmal Zeit und außerdem
liegt vieles in den Händen der Plattenfirma, sie müssen mein
nächstes Album gut finden und es annehmen.
lespress:
Bist du als Lesbe zu der Plattenfirma gekommen bzw. ist es ihnen klar?
Jan: Ich
habe mich nicht als Jan Lesbian Allain vorgestellt. Ich habe auch kein
T-Shirt getragen "Ich bin Lesbe". Aber sie wissen es. Und auch die Pressemitteilung,
die sie verschicken, sagt ganz klar, daß ich seit zehn Jahren in der
Lesbenszene in Germany bekannt bin. Aber ich hoffe, daß die Leute sich
vor allem für meine Musik interessieren. Ich bin zufällig Lesbe. Ich
hoffe, daß das nicht die Hauptsache für die Leute ist. Ich möchte als
Musikerin wahrgenommen werden und nicht in erster Linie als Lesbe. Ich
möchte Songs schreiben, die allgemeine Gültigkeit für alle haben.
Ich bin in erster
Linie ein Mensch, und ich habe menschliche Gefühle. Ich weiß, daß die
Leidenschaft in meinen Songs von meinen engen Beziehungen zu Frauen
kommt. Aber grundlegende menschliche Gefühle wie Sehnsucht, Traurigkeit
oder Bewunderung, damit kann doch jeder Mensch etwas anfangen. Ich will
nicht in eine Schublade gepackt werden: eine lesbische Sängerin/Songwriterin,
also ist ihre Musik nur für Lesben. Meine Musik ist für alle. Sicher
hat sie mehr Bedeutung für Lesben, weil wir auf der gleichen Seite stehen
im Leben. Ich habe auch ausgesprochen lesbische Songs geschrieben, wie
"Glad to be lesbian" oder "I met my love in Aldi". Aber Musik ist Musik.
lespress:
Ist das nächste Album schon geplant?
Jan: Ich
habe eine Menge Songs, die noch nicht aufgenommen sind, und eine ganze
Menge von ihnen sind für das nächste Album geplant. Aber ich
weiß noch nicht, wann, wo und mit wem das passieren wird. Aber
die Songs gibt es schon. Sicher schreibe ich bis zum nächsten Album
auch noch einige. Dieser Plattenvertrag ist ein Lizenzvertrag, das bedeutet,
ich bezahle die Aufnahmen und die Plattenfirma bezahlt das Pressen,
die Werbung und den Vertrieb. Also liegt noch ein großer Teil
des finanziellen Risikos bei mir.
lespress:Wer
hat die Songs für das aktuelle Album "A Kind of Glory“ ausgewählt?
Jan: Ich
habe sie ausgewählt, es war sehr schwierig, sie in die richtige
Reihenfolge zu bekommen, aber es war, als ob ich meiner eigener DJ gewesen
wäre. Es sind vier ganz neue Songs und insgesamt fünf neue
Aufnahmen dabei, die anderen erschienen schon auf meinen anderen Platten.
lespress:
Wir sind sehr neugierig auf das nächste...
Jan: Das
nächste Album wir ein statement sein, denn das ganze Material wird
neu sein. Es wird ein sehr wichtiges sein. Meine Philosophie ist Qualität
statt Quantität. Ich will nicht eine der Künstlerinnen sein,
die jedes Jahr ein neues Album auf den Markt werfen, wie Ani diFranco.
Weniger ist mehr. Das nächste Album wird sehr speziell sein. Ich
muß nur die richtige Arbeitssituation dafür haben. Ich hoffe,
die Leute haben noch etwas Geduld. Ich mußte auch sehr geduldig
sein. "A Kind of Glory" ist einerseits wie eine Zusammenfassung, es
stellt das vor, was ich die letzten zehn Jahre gemacht habe. Und es
ist natürlich eine Einführung für die, die mich gar nicht
kennen. Gleichzeitig hoffe ich, meine Fans werden es als Meilenstein
meiner Art schätzen. Dies ist der Punkt, an dem sich einiges ändern
wird.
lespress:
Was soll sich denn ändern?
Jan: Ich
hätte gerne ein besseres Auto!
lespress:
Ich dachte eher an die Musik...
Jan:
Oh sorry, Aber du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es ist in einem
19 Jahre alten Austin zu touren, mit deiner kompletten Anlage dabei,
aber ohne Roadie. Und ohne Servolenkung... Was wird sich musikalisch
ändern? Ich möchte gerne eine Kombination von akustischen Instrumenten
und Digital-Sounds auf meinem nächsten Album haben. Es gibt soviele
neue Sachen in der populären Musik. Wenn ich nicht mit der Zeit gehe,
besteht die Gefahr, daß man mich für altmodisch (old-fashioned) halten
könnte. Ich komme aus der melodischen Tradition der Songwriter, aber
ich muß meine Songs zeitgemäß präsentieren. Es gibt einige Instrumente,
die auf jeden Fall wieder dabei sein werden: ein Flügel, Kontrabaß,
Streichinstrumente, Akustikgitarre. Ich suche noch nach etwas, Atmosphäre
sozusagen, etwas funkiges, was ganz neu dazukommen wird, ich kann es
selbst noch nicht beschreiben. Es
könnten z.B. neue Arrangement-Ideen sein.
lespress:
Ist schon das nächste Album in Planung?
Jan:
Ich habe eine Menge Songs, die noch nicht aufgenommen sind, und einige
sind für das nächste Album geplant. Aber ich weiß noch nicht, wann,
wo und mit wem das aufgenommen wird. Aber die Songs gibt es schon. Sicher
schreibe ich bis dahin auch noch einige. Das nächste Album wird sehr
wichtig und sehr speziell sein. Qualität ist mir wichtiger als Quantität.
Das ganze Material wird neu sein. Ich muß nur die richtige Arbeitssituation
dafür haben. Ich hoffe, die Leute haben noch etwas Geduld.
lespress:
Bist du dabei, eine neue Band zusammenzustellen?
Jan:
Auf jeden Fall, ich lernte gerade eine Kontrabaß-Spielerin aus Berlin
kennen. Bei meinem Auftritt in Berlin war Petra Rick am E-Baß dabei,
sie kommt aus der Heavy-Rock-Ecke. Sie weiß aber, daß mein Ideal-Baß
ein Kontrabaß mit Jazz-Hintergrund ist. Eine Violinistin habe ich auch
noch gar nicht. Meine Traum-Band hat einen Kontra- und einen E-Baß,
einen wunderbaren humorvollen Drummer mit viel Gefühl, E-Violine, Akkordeon,
Background-Sängerin und Grand Piano.
lespress:Wann
wird es eine Tournee mit der neuen Band geben?
Jan:
Ich hoffe, es wird schon im November/Dezember 2000 so weit sein. Ich
bin auf der Suche nach einem professionellen Veranstalter für die Tour.
Ich werde sowohl vor Frauen/Lesben als auch vor gemischtem Publikum
auftreten. Meine Band wird nur aus Musikerinnen bestehen.
Interview:
Irene Hummel
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